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Übersichtsseite zu Reisebild-Kategorien

Der innere Antrieb zu einer Reise geht wesentlich vom Reisebild aus, das man sich selbst ausmalt. Mit Wirklichkeit hat das wenig zu tun: „Karl May war mein Brandstifter“, meinte Rox, König der Globetrotter. Wünsche und Träume bestimmen die Sehnsucht nach der Ferne; unterwegs platzen manche Illusionen, doch zurückgekehrt hat sich das Weltbild verändert, durch Imagination und Anschauung.

Das Bild der Reise

Das Bild der Reise ist in fortwährendem Wandel, ausgehend von einem Wunschbild vor der Reise.
Nach der Reise vermittelt der Zurückgekehrte ein Zerrbild der Reise indem er verschweigt, was andere nicht wissen sollen, und verstärkt, was gerne gehört wird und schließt Lücken durch Halbwahrheiten.
Für Begleiter gilt dasselbe, so dass nach außen unweigerlich abweichende Bilder vermittelt werden.

Während der Reise entsteht vielleicht ein Tagebuch, es werden Listen, Briefe und Ansichtskarten geschrieben, Fotos gemacht, Souvernirs gesammelt usw., so dass Artefakte vorliegen, die Grundlage für ein Bild der Reise sein können.

Sofern die Reise Aufmerksamkeit erregt und medial darüber berichtet wird, verändert sich das Bild unter dem Einfluss des Mediums und der Zielgruppen.

Das Bild der Reise im Handlungskreis

Das Bild der Reise in Gemälde, Foto, Film

Der Reisefilm setzt die Reisefotografie voraus, letztere knüpft auch an die farbige Expeditionsmalerei an, indem sie das Gesehene dokumentiert, während die Auswahl nicht nur sachlich erfolgt sondern stets auch durch das Exotische bestimmt ist.

Die Expeditionsmalerei schuf Werke für einen Auftraggeber. Den Bedürfnissen des größeren Publikums dienten seit dem 17. Jahrhundert die laterna magica und seit dem Ende des 18. Jahrhunderts die Panoramen. Die beiden letzteren bedurften nicht nur eines Malers sondern auch eines Erklärers (engl. lecturer), der die Bilder in einen Vortrag einbettet, ebenso wie beim Dia-Abend, beim Bildfestival in einer Halle, bei Stummfilmen oder auch noch bei manchen Reisefilmen im Fernsehen.

Der Erklärer ist bei Reisebildvorträgen meist identisch mit dem Reisenden, der einerseits solchen Werken Authentizität verleiht und anderseits selbst zum glaubhaften Zeugen wird: Dort war ich, dies habe ich gesehen … Seine (mehr oder weniger nicht-fiktionale) Erzählung haucht dem Bild Leben ein. Reisebericht und Reisebild gehen Hand in Hand.

Das Moving Panorama bediente bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Bedürfnis nach dem bewegten Bild, gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuren die ersten Fime gezeigt. Das bewegte Bild wird dann als Dokumentarfilm zum Reisefilm oder Expeditionsfilm mit Schwerpunkten als ethnografischer Film, Tier-/Zoofilm, Bergfilm, Kulturfilm … im Unterschied zum fiktionalen Reisefilm, dem Abenteuerfilm oder Road Movie (s. Goergen 2021). Die Travelogue films (→ 1904) wurden in den 1920er Jahre als „scenics“ bezeichnet.

Dort, wo sich Jagd (auch als Tierfang) und Reisen zur Safari verbunden haben, findet sich eine weitere Wurzel der Reisefotografie: Bilder werden geschossen und zeigen das geschossene Wild. Das Bild wird zur Trophäe der Trophäe.

Reisende und Jäger, Fotografen und Filmer, Autoren und Vortragende verschmelzen oft miteinander.

→ Literaturliste Reisebilder und Ikonographie der Reise

Ikonographie

Aspekte der Fortbewegung als Gegenstand von Metaphern

Die 21 germanischen Nomina der Fortbewegung 1) wurden bereits in den ältesten Quellen der sieben altgermanischen Sprachen weit überwiegend als Metapher verwendet, insbesondere:

Neben der Fortbewegung dienen auch die Eigenschaften des begangenen Raumes als Metapher, also:

Im Unterwegs-sein wird die Orientierung fruchtbar für Metaphern:

Motive und Einstellungen

Bildhafte Vorstellungen in der Sprache

Die Allegorie verwandelt die Erscheinung in einen Begriff, 
den Begriff in ein Bild, doch so, 
dass der Begriff im Bilde immer noch begrenzt 
und vollständig zu halten 
und zu haben und an denselben auszusprechen ist.

Die Symbolik verwandelt die Erscheinung in Idee, 
die Idee in ein Bild, und so, 
dass die Idee im Bild immer unendlich bleibt und, 
selbst in allen Sprachen ausgesprochen, 
doch unaussprechlich bliebe.

Johann Wolfgang Goethe: Über Kunst und Kunstgeschichte.
Aphorismen. Freunden und Gegnern zur Beherzigung

Mit dem Finger auf der Landkarte: In (Reise-)Bildern zu sprechen heißt Vorstellungen zu wecken von Dingen, die nicht fassbar sind:

  • Wer Dampfross sagt, meint weder `Dampf´ noch `Ross´ sondern eine Eisenbahn, als dieser Begriff noch fehlte.
  • Wer `Abenteuer Straßenverkehr´ sagt, überträgt einen Begriff auf einen neuen Zusammenhang und nutzt die neue Zusammenstellung als Metapher.
  • `Land in Sicht´ ist keine Metapher an Bord eines Schiffes, sehr wohl aber bei der Problemlösung, wenn eine erfolgreiche Lösung naht.
  • Auch Bezeichnungen für phantastische Orte wurden zu Metaphern wie die `Suche nach Atlantis´ oder das Schlaraffenland. Es gibt sie nicht, aber sie wecken verbreitete Sehnsüchte.
  • Verfestigen sie sich regelhaft, werden sie zu Sprichwörtern, Figuren, Geflügelten Worten oder Zwillingsformeln.
  • Verfestigen sie sich zu Geschichten, werden sie zu Legenden, Sagen, Mythen, meist mit beispielhaften Figuren.
  • Zu Bildern verfestigt, wird Schutz beispielsweise dargestellt durch einen bärtigen Mann mit Stock: Christophorus oder der Wunsch, schnell ein Ziel zu erreichen, durch Flügel an den Schuhen des Hermes.

Solche Umschreibungen hießen in den altgermanischen Sprachen kenningar oder `Kenning´ von kenna, also `kennen, erkennen, wahrnehmen, fühlen, zeigen, lehren´ und verweisen damit auf Einsichten in Bedeutungen unter der Oberfläche, wenn der Wandernde zum Kundigen wird. Im Altnordischen wird vǫnsuðr (`Der Schwingende´) mit Wanderer 2) übersetzt. Im äußerlichen `sich-bewegen´ und inneren `etwas erkennen´ verbinden sich Erfahrung und Erkenntnis zu bildhaften Metaphern, die besonders häufig mit der `Fahrt´ und dem `Weg´ verbunden werden, jedoch mit jeder neuen Transportart reicher wurden: Reittiere, Eisenbahn, Fliegen, Auto. Selbst die »hinkende« Metapher ist wieder eine Metapher der Bewegung.

Metaphern sind Ausdruck unserer »inneren Bilder«, die antreiben zum Reisen, Begegnungen bestimmen, Ausdrücke formen und über diese helfen, in der Welt der Reisen zu kommunizieren: Die Kunst des Reisens, Künstlerreisen, Wanderpoeten. Die individuellen Bilder Reisender finden ihren zeittypischen und gesellschaftlich bestimmten Ausdruck:

Umgekehrt bedient die touristische Werbung natürlich Wunschvorstellungen und knüpft an Illusionen an; deren Texte enthalten vage, jedoch positiv besetzte Begriffe wie Märchen, Paradies, Traum, Zauber und meiden alles, was die dadaurch angeregte Phantasie dämpfen könnte, indem diese überbordend durch Adjektive befeuert wird wie farbenfroh, kostbar, leuchtend, prachtvoll, weltberühmt. Euphemistisch wird der bedrohliche Nahe Osten zum attraktiven Orient, das unsichere Israel zum Heiligen Land (unter Gottes Schutz).

Themen und Metaphern im statistischen Vergleich

Die thematische Verteilung - ohne einzelne Zahlen zu betonen - lässt vermuten, dass die Sprichworte die Erfahrung der Sesshaften wiedergeben, während Zwillingsformeln und Geflügelte Worte die Sicht der Reisenden spiegeln.

Zwillingsformeln Geflügelte Worte Sprichwörter
Reisefreiheit 4
Voraussetzungen 21
Daheim bleiben 14
Abschied 12
Aufbruch 3 7 3
Zu Fuß 8 4 2
Fahrt & Reiten 4 8 1
Lasten tragen 3 2 5
Weg & Straße 3 7 1
Zwischenraum 16 10
Ziele erreichen 4
Reisegefährten 7
Land & Leute 12
Sicherheit & Ab. 11
Reisende als
Trickster 14
Narren 10
… Lügner 3
Heimkehrer 6
Die letzte Reise 8
41 42 130

Literaturliste zu Reise-Metaphern

1)
Winfried Breidbach: Reise - Fahrt - Gang. Nomina der Fortbewegung in den altgermanischen Sprachen. Peter Lang 1994 Diss. Köln
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