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wiki:reisesammlungen

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wiki:reisesammlungen [2026/02/07 20:48] – [Reisesammlungen] Norbert Lüdtkewiki:reisesammlungen [2026/02/09 03:56] (aktuell) – [Der Corpus nach Land und Jahr] Norbert Lüdtke
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 engl. Collections of Voyages and Travels, Travel Collections; franz. Recueil, Compilations des récits géographiques; niederl. reiscollectie; ital. compilazione storico-geografica, lat. [[https://fabian.sub.uni-goettingen.de/fabian?StabiMue2#258|Itinera collecta]] im Unterschied zu Itinera singularia; Collectiones Peregrinationum engl. Collections of Voyages and Travels, Travel Collections; franz. Recueil, Compilations des récits géographiques; niederl. reiscollectie; ital. compilazione storico-geografica, lat. [[https://fabian.sub.uni-goettingen.de/fabian?StabiMue2#258|Itinera collecta]] im Unterschied zu Itinera singularia; Collectiones Peregrinationum
  
-[[reisende|Reisende]] bringen Dinge zurück und Geschichten; die einen werden ausgestellt (→ [[liste_ausstellungen|Liste der Ausstellungen]]), wenn sie sehenswert sind, die anderen gedruckt, wenn sie lesenswert sind. Aus der Masse des Geschriebenen und Gedruckten heben sich solche Inhalte ab, die besonders ausgewählt wurden und erhalten Relevanz zu dieser Zeit und und zur gewählten Absicht. +[[reisende|Reisende]] bringen Dinge zurück und Geschichten; die einen werden ausgestellt (→ [[liste_ausstellungen|Liste der Ausstellungen]]), wenn sie sehenswert sind, die anderen gedruckt, wenn sie lesenswert sind. Aus der Masse des Geschriebenen und Gedruckten heben sich solche Inhalte ab, die besonders ausgewählt wurden und erhalten besondere Relevanz zu ihrer Zeit und und zur gewählten Absicht.
-===== Der Corpus =====+
  
-Der nachfolgende Korpus von Reisesammlungen enthält (Januar 2026) rund 270 Werke mit rund 3.100 dazugehörigen Bänden.\\ Die Tabelle zeigt die Länder in der Reihenfolge des erstmaligen zeitlichen Auftretens eines entsprechenden Druckortes mit allen Bänden. Reisesammlungen haben ihre Wurzeln jedoch nicht allein am Ort des Druckes, sondern in der Herkunft und am Wirkungsort des Auftraggebers und des Herausgebers, während die Sprache ein Hinweis auf das Zielpublikum gibt. Im Hintergrund wirkt zudem die Vernetzung der Drucker, mit denen sich die Drucktechnik von Deutschland aus in Europa verbreitete.\\ +Reisesammlungen trugen dazu bei, zahlreiche individuelle Reiseerfahrungen in ein umfassenderes Weltbild zu transformieren und öffentlich zu verbreiten, siehe [[bild_reise|Das Bild der Reise]]. Reisesammlungen speicherten geographisches Wissen im Buchformat, bevor es eine geographische Wissenschaft gab. Dem voraus gingen Informationsspeicher in Form von Land- und Seekarten, [[portolankarten|Portolankarten]], [[periplus|Periploi]], [[itinerar|Itineraren]].\\ Geographisches Wissen zu erfassen war bereits die Aufgabe der [[bematisten|Bematisten]] in der griechischen Antike, es zu sammeln soll bereits Aufgabe der Bibliothek von Alexandria gewesen sein und auch die antiken Geographen und Historiker (''Herodot'', ''Strabon'' ...) beriefen sich auf Berichte von Reisenden und verarbeiteten deren Wissen. \\  
 +===== Reisesammlungen nach Land und Jahr ===== 
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 +Das nachfolgende Korpus von Reisesammlungen enthält (Januar 2026) rund 270 Werke mit rund 3.100 dazugehörigen Bänden.\\ Die Tabelle zeigt die Länder in der Reihenfolge des erstmaligen zeitlichen Auftretens eines entsprechenden Druckortes mit allen Bänden. Reisesammlungen haben ihre Wurzeln jedoch nicht allein am Ort des Druckes, sondern in der Herkunft und am Wirkungsort des Auftraggebers und des Herausgebers, während die Sprache ein Hinweis auf das Zielpublikum gibt. Im Hintergrund wirkt zudem die Vernetzung der Drucker, mit denen sich die Drucktechnik von Deutschland aus in Europa verbreitete.\\ 
 Nur ausnahmsweise wurden unberücksichtigt: unterschiedliche Ausgaben, Parallelausgaben, Ausgaben für die Jugend, verschiedene Druckorte, weitere Auflagen und Raubdrucke.\\  Nur ausnahmsweise wurden unberücksichtigt: unterschiedliche Ausgaben, Parallelausgaben, Ausgaben für die Jugend, verschiedene Druckorte, weitere Auflagen und Raubdrucke.\\ 
 Wegen des Umfangs sind die Reisesammlungen auf vier Unterseiten nach Jahrhunderten verteilt; die umfangreichsten Titelverzeichnisse sind auf eigenen Seiten ausgelagert. Wegen des Umfangs sind die Reisesammlungen auf vier Unterseiten nach Jahrhunderten verteilt; die umfangreichsten Titelverzeichnisse sind auf eigenen Seiten ausgelagert.
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 ===== Kategorien ===== ===== Kategorien =====
  
-Reisesammlungen werden hier aufgefasst als gedruckte [[reiseliteratur|Reiseliteratur]], deren Autoren erkennbar sind und die mindestens zusammengestellt, oft bearbeitet, manchmal mit Anmerkungen versehen herausgegeben sind. Im Unterschied zu anderen Formen der [[wissen|Wissen]]sspeicherung sind ihre Merkmale:+Reisesammlungen werden hier aufgefasst als //gedruckte [[reiseliteratur|Reiseliteratur]],// deren Autoren erkennbar sind und die mindestens zusammengestellt, oft bearbeitet, manchmal mit Anmerkungen versehen herausgegeben sind. Im Unterschied zu anderen Formen der [[wissen|Wissen]]sspeicherung sind ihre Merkmale:
   * die Wertschätzung der [[erfahrung|Erfahrung]] und (Welt-)[[weltanschauung|Anschauung]] [[einzelne|Einzelner]] ([[erforscher|Erforscher, Entdecker]], [[abenteuer|Abenteurer]], Missionare, Söldner ...);   * die Wertschätzung der [[erfahrung|Erfahrung]] und (Welt-)[[weltanschauung|Anschauung]] [[einzelne|Einzelner]] ([[erforscher|Erforscher, Entdecker]], [[abenteuer|Abenteurer]], Missionare, Söldner ...);
   * der Buchdruck seit dem Ende des [[unterwegs_im_15._jahrhundert|15. Jahrhunderts]];   * der Buchdruck seit dem Ende des [[unterwegs_im_15._jahrhundert|15. Jahrhunderts]];
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   * in den Nachlässen von Kartenmachern, die schon vor dem Buchdruck auf Berichte Reisender angewiesen waren. ((etwa: ''Nicolas'' & ''Guillaume Sanson'' \\ //Tabulae geographicae, quibus universa geographia vetus continetur, e multis authoribus collectae//\\ ex Typ. Seminarii, Patavii, 1699))   * in den Nachlässen von Kartenmachern, die schon vor dem Buchdruck auf Berichte Reisender angewiesen waren. ((etwa: ''Nicolas'' & ''Guillaume Sanson'' \\ //Tabulae geographicae, quibus universa geographia vetus continetur, e multis authoribus collectae//\\ ex Typ. Seminarii, Patavii, 1699))
  
-Als Teil eines [[soziotechnisches_handlungssystem|soziotechnischen Handlungssystems]] haben sie eine doppelte Funktion +Auch die mittelalterlichen //Sammelcodices// (wie das kastilische //Libro del conosçimiento de todos los rregnos et tierras ...// oder das //Speculum historiale// als Teil des //Speculum maius// ((Speculum quadruplex, naturale, doctrinale, morale et historiale liegt als Manuskript in Paris und wurde erstmals 1473-1476 gedruckt, in der Officin von J. Mentelin zu Straßburg; darin  befinden sich u.a. ein Auszug aus der //Historia Mongalorum// von ''Johannis de Plano Carpini'' und das //Itinerarium Simonis de Sancto Quintino// )) von ''Vinzenz von Beauvais'' im [[unterwegs_im_13._jahrhundert|13. Jahrhundert]]) verarbeiteten geographisches Wissen, benannten jedoch selten die Quellen ((''Ridder, Klaus''\\ //Wissen erzählenZur volkssprachlichen Enzyklopädistik des späten Mittelalters.//\\ S.317-334 in: Anna GrotansHeinrich Beck; Anton Schwob (Hg.): De consolatione philologiae: Studies in Honor of Evelyn S. Firchow. Göppingen 2000. (GAG 682/I) [zusammen mit Jürgen Wolf] [[http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-52653|Online]]\\  
-  * Sie zeigen erstenswelche [[erfahrung|Erfahrungen]] und Erlebnisse von [[reisende|Reisenden]] gesellschaftlich als relevant wahrgenommen werdenindem sie das Resultat eines Auswahlprozesses sind+''Baumgärtner, I.''\\ //Weltbild und Empirie. Die Erweiterung des kartographischen weltbilds durch die Asienreisen des späten Mittelalters.//\\ Journal of Medieval History, 23.3 (1997) 227–253. [[https://doi.org/10.1016/S0304-4181(97)00006-7|DOI]] )). 
-  * Sie zeigen zweitenswie ein Reisender beobachten und [[wissen|Wissen]] speichern mussdamit seine Erfahrungen und Erlebnisse als relevant bewertet werden, → [[zeitleiste_reiseanleitungen|Zeitleiste der Reiseanleitungen]].+==== Zielgruppen ==== 
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 +Die gedruckten Reisesammlungen richteten sich zunächst an ein elitäres Publikum mit Geld und Weitblickboten faktenbasierte und nutzenorienierte InhalteIm Laufe der Zeit differenzierten sich die Zielgruppen: 
 +  * 1590 ergänzte ''de Bry'' die Texte mit zahlreichen Kupferstichendie bestimmte Vorstellungen verbreiteten. 
 +  * Ab Mitte des 17. Jahrhunderts traten langsam literarische Kriterien hinzu, Erfahrungstatsachen wurden leserfreundlicher. 
 +  * Um die Mitte des 18. Jahrhunderts differentierte sich die Reiseliteratur (Berichte und Fiction, accounts and novel) neu. ''Motsch'' weist darauf hin, dass in der Phase ab dem 16. Jahrhundert der Wissenstransfer im Vordergrund stand, erkennbar an der häufigen Verwendung von 'Relation' und 'account' im Titel der Berichte. Das fesselte alle Leser, weil unentwegt Neues und Unerhörtes geboten wurde. Die Sensationen wurden jedoch geringer. Im 18. Jahrhundert fanden 'travel relations' ihr Publikum zunehmend in Institutionen mit Bezug auf Geographie, Botanik, Ethnologie usw. Der nicht fachorientierte Teil der Leserschaft favorisierte nun zunehmend realistische 'travel literature'
 +    * ''Motsch, Andreas''\\ //Relations of Travel: Itinerary of a Practice.//\\ Renaissance and Reformation / Renaissance et Réforme, 34.1/2 (2011) 207–36. [[http://www.jstor.org/stable/43446466|Online]]\\ Der Autor unterscheidet für Reiseliteratur zunächst eine empirische Typologie aus der Reisepraxis heraussodann eine literarische. Für Letztere verweist er auf einen internen (poetischen) und einen externen ([[soziotechnisches_handlungssystem|sozio-historischen]]) Deutungsansatz. Einer etymologischen Analyse von 'relation' folgt die Darstellung der drei Aspekte von Relation (performanceinstitutional framework, truthfullness) und der Einfluss der Drucktechnik auf den Inhalt. Der Wandel der Texte seit dem 16. Jahrhundert entspricht deren gesellschaftlicher Funktion. 
 +  * Ab Mitte des 18. Jahrhunderts bildete sich langsam eine geographische Fachliteratur mit wissenschaftlicher Systematik (→ Büsching, Hager, Canzler ...).  
 +  * Zur gleichen Zeit entwickelte sich eine Unterhaltungsliteratur zur gleichen Thematik. Hin und wieder wird im Vorwort betont, weshalb ein Titel auch für die heranwachsende Jugend und für Frauen geeignet sei. 
 +    * 1785−1791 //Bibliothèque universelle des dames//. Classe 1, Voyages 
 +    * 1785−1793 ''Joachim Heinrich Campe'', 1746−1818\\ //Erste Sammlung merkwürdiger Reisebeschreibungen für die Jugend// 
 +  * Im [[unterwegs_im_19._jahrhundert|19. Jahrhundert]] schließlich begannen (geographische) Gesellschaften Zeitschriften zu produzieren, die zunehmend die wissensorientierten Sammlungen verdrängtenEine verallgemeinerte Struktur mit abgeleiteten Erkenntnissen zerpflückte nunmehr die Erfahrungen Einzelner auf ihren Nutzen für die Wissenschaft. 
  
 ==== Abgrenzungen ==== ==== Abgrenzungen ====
  
-Reisesammlungen können als Fortsetzung von Itinerarsammlungen verstanden werden, der durch einen Paradigmenwechsel ausgelöst wurde. Itinerarsammlungen stellten die komprimierteste Form dar, einen allgemein bekannten Raum zu erschließen. Die Systematisierung von Entdeckungsreisen ziele auf das Erschließen von unbekannten Räumen, für die es keine Itinerare gab. Die Entdeckung einer Neuen Welt sprengte die komprimierte Form von Itineraren, weil nicht auf Vertrautes zurückgegriffen werden konnte. +Reisesammlungen können als Fortsetzung von Itinerarsammlungen verstanden werden, der durch einen Paradigmenwechsel ausgelöst wurde. Itinerarsammlungen stellten die komprimierteste Form dar, einen allgemein bekannten Raum zu erschließen. Die Systematisierung von Entdeckungsreisen zielt aber auf das Erschließen unbekannter Räumen, für die es keine Itinerare gibt. Die Entdeckung einer Neuen Welt sprengte die komprimierte Form von Itineraren, weil nicht auf Vertrautes zurückgegriffen werden konnte. 
  
-Sie stehen auch in einem Verhältnis zu [[zeitleiste_reiseanleitungen|Reiseanleitungen]] (Apodemiken), da die ausgewählten Reisen und damit das Verhalten dieser Reisenden zum einen vorbildhaft erscheinen, zum anderen aber auch zum Nachdenken über deren Art des Reisens anregen, und damit zu Optimierungen und allgemein nützlichen Verfahren.+Sie stehen auch in einem Verhältnis zu [[zeitleiste_reiseanleitungen|Reiseanleitungen]] (Apodemiken), da die ausgewählten Reisen und damit das Verhalten dieser Reisenden zum einen vorbildhaft erscheinen, zum anderen aber auch zum Nachdenken über deren Art des Reisens anregen, und damit zu Optimierungen und allgemein nützlichen Verfahren führen.
  
 Formal stehen sie den strengen [[literaturliste_bibliographien#Reiseberichte|Bibliographien zur Reiseliteratur]] diametral gegenüber, indem sie die Inhalte in den Vordergrund stellen und bewerten. Formal stehen sie den strengen [[literaturliste_bibliographien#Reiseberichte|Bibliographien zur Reiseliteratur]] diametral gegenüber, indem sie die Inhalte in den Vordergrund stellen und bewerten.
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 Das Entstehen einer gedruckten Reisesammlung setzt voraus: Das Entstehen einer gedruckten Reisesammlung setzt voraus:
   - dass //[[reisende|Reisende]]// als Augenzeugen zum Autor werden, das Ergebnis kann ein Tagebuch, Logbuch, Brief, Reisebericht, eine Karte ... sein (Authentizität). Der Fokus des Augenzeugen bestimmt den Informationsgehalt.\\ Das Publikum dieser Autoren ist jedoch nicht das Publikum der Reisesammlungen.    - dass //[[reisende|Reisende]]// als Augenzeugen zum Autor werden, das Ergebnis kann ein Tagebuch, Logbuch, Brief, Reisebericht, eine Karte ... sein (Authentizität). Der Fokus des Augenzeugen bestimmt den Informationsgehalt.\\ Das Publikum dieser Autoren ist jedoch nicht das Publikum der Reisesammlungen. 
-  - dass Sammler Zugang zu solchen Quellen hat bzw. zu den Netzwerken, die solche Quellen sammeln;+  - dass Sammler Zugang zu solchen Quellen haben bzw. zu den Netzwerken, die solche Quellen sammeln;
   - dass der Informationsgehalt eine Schnittmenge mit den Interessen des Sammlers und seines Publikums aufweist.   - dass der Informationsgehalt eine Schnittmenge mit den Interessen des Sammlers und seines Publikums aufweist.
  
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 ==== Verfahren ==== ==== Verfahren ====
  
-Herausgeber von Reisesammlungen mussten sich mehr oder weniger mit ihren Vorläufern und Konkurrenten auseinandersetzen und haben ihre Ansichten manches Mal im Vorwort dargelegt, dabei meist betonend, was sie besser machen würden. Im [[liste_von_vorworten_zu_reisesammlungen|Vorwort zu den Reisesammlungen]] wird mehr oder weniger deutlich formuliert, welche Interessen die Herausgeber dabei verfolgen und welche Kriterien sie zugrunde legten, siehe beispielhaft [[1767_vorwort_knox|Knox 1767]] sowie von [[1745_vorwort_green_general_collection|Green 1745]] und [[1811 vorwort kerr collection|Kerr 1811]] (Band 18: 1824 William Stevenson). Dadurch erlauben die Reisesammlungen einen zeittypischen Blick auf die Rezeption der Reisen.+Herausgeber von Reisesammlungen mussten sich mehr oder weniger mit ihren Vorläufern und Konkurrenten auseinandersetzen und haben ihre Ansichten manches Mal im Vorwort dargelegt, dabei meist betonend, was sie besser machen würden, meist fokussiert auf neue Nachrichten, Nützliches und Wissenswertes. Im [[liste_von_vorworten_zu_reisesammlungen|Vorwort zu den Reisesammlungen]] wird dementsprechend formuliert, welche Interessen die Herausgeber dabei verfolgen und welche Kriterien sie zugrunde legten, siehe beispielhaft [[1767_vorwort_knox|Knox 1767]] sowie von [[1745_vorwort_green_general_collection|Green 1745]] und [[1811 vorwort kerr collection|Kerr 1811]] (Band 18: 1824 William Stevenson). Dadurch erlauben die Reisesammlungen einen zeittypischen Blick auf die Rezeption der Reisen.
  
-===== Reisesammlungen und Publikum ===== 
  
-Die gedruckten Reisesammlungen richteten sich zunächst an ein elitäres Publikum mit Geld und Weitblick, boten faktenbasierte und nutzenorienierte Inhalte. Im Laufe der Zeit differenzierten sich die Zielgruppen: +==== Institutionen ====
-  *  +
-  * 1590 ergänzte ''de Bry'' die Texte mit zahlreichen Kupferstichen, die bestimmte Vorstellungen verbreiteten. +
-  * Ab Mitte des 17. Jahrhunderts traten langsam literarische Kriterien hinzu, Erfahrungstatsachen wurden leserfreundlicher. +
-  * Um die Mitte des 18. Jahrhunderts differentierte sich die Reiseliteratur (Berichte und Fiction, accounts and novel) neu. ''Motsch'' weist darauf hin, dass in der Phase ab dem 16. Jahrhundert der Wissenstransfer im Vordergrund stand, erkennbar an der häufigen Verwendung von 'Relation' und 'account' im Titel der Berichte. Das fesselte alle Leser, weil unentwegt Neues und Unerhörtes geboten wurde. Die Sensationen wurden jedoch geringer. Im 18. Jahrhundert fanden 'travel relations' ihr Publikum zunehmend in Institutionen mit Bezug auf Geographie, Botanik, Ethnologie usw. Der nicht fachorientierte Teil der Leserschaft favorisierte nun zunehmend realistische 'travel literature'+
-    * ''Motsch, Andreas''\\ //Relations of Travel: Itinerary of a Practice.//\\ Renaissance and Reformation / Renaissance et Réforme, 34.1/2 (2011) 207–36. [[http://www.jstor.org/stable/43446466|Online]]\\ Der Autor unterscheidet für Reiseliteratur zunächst eine empirische Typologie aus der Reisepraxis heraus, sodann eine literarische. Für Letztere verweist er auf einen internen (poetischen) und einen externen ([[soziotechnisches_handlungssystem|sozio-historischen]]) Deutungsansatz. Einer etymologischen Analyse von 'relation' folgt die Darstellung der drei Aspekte von Relation (performance, institutional framework, truthfullness) und der Einfluss der Drucktechnik auf den Inhalt. Der Wandel der Texte seit dem 16. Jahrhundert entspricht deren gesellschaftlicher Funktion. +
-  * Ab Mitte des 18. Jahrhunderts bildete sich langsam eine geographische Fachliteratur mit wissenschaftlicher Systematik (→ Büsching, Hager, Canzler ...).  +
-  * Zur gleichen Zeit entwickelte sich eine Unterhaltungsliteratur zur gleichen Thematik. Hin und wieder wird im Vorwort betont, weshalb ein Titel auch für die heranwachsende Jugend und für Frauen geeignet sei. +
-    * 1785−1791 //Bibliothèque universelle des dames//. Classe 1, Voyages +
-    * 1785−1793 ''Joachim Heinrich Campe'', 1746−1818\\ //Erste Sammlung merkwürdiger Reisebeschreibungen für die Jugend// +
-  * Im [[unterwegs_im_19._jahrhundert|19. Jahrhundert]] schließlich begannen (geographische) Gesellschaften Zeitschriften zu produzieren, die zunehmend die wissensorientierten Sammlungen verdrängten. Eine verallgemeinerte Struktur mit abgeleiteten Erkenntnissen zerpflückte nunmehr die Erfahrungen Einzelner auf ihren Nutzen für die Wissenschaft. +
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-===== Institutionen, geographisches Wissen und koloniale Expansion =====+
  
-Reisesammlungen trugen dazu bei, zahlreiche individuelle Reiseerfahrungen in ein umfassenderes Weltbild zu transformieren und öffentlich zu verbreiten, siehe [[bild_reise|Das Bild der Reise]]. Reisesammlungen speicherten geographisches Wissen, bevor es eine geographische Wissenschaft gab. Solche Speicher gab es vor dem Buchdruck in Form von Land- und Seekarten, [[portolankarten|Portolankarten]], [[periplus|Periploi]], [[itinerar|Itineraren]]. Auch die mittelalterlichen //Sammelcodices// (wie das kastilische //Libro del conosçimiento de todos los rregnos et tierras ...// oder das //Speculum historiale// als Teil des //Speculum maius// ((Speculum quadruplex, naturale, doctrinale, morale et historiale liegt als Manuskript in Paris und wurde erstmals 1473-1476 gedruckt, in der Officin von J. Mentelin zu Straßburg; darin  befinden sich u.a. ein Auszug aus der //Historia Mongalorum// von ''Johannis de Plano Carpini'' und das //Itinerarium Simonis de Sancto Quintino// )) von ''Vinzenz von Beauvais'' im [[unterwegs_im_13._jahrhundert|13. Jahrhundert]]) verarbeiteten geographisches Wissen, benannten jedoch selten die Quellen ((''Ridder, Klaus''\\ //Wissen erzählen. Zur volkssprachlichen Enzyklopädistik des späten Mittelalters.//\\ S.317-334 in: Anna Grotans, Heinrich Beck; Anton Schwob (Hg.): De consolatione philologiae: Studies in Honor of Evelyn S. Firchow. Göppingen 2000. (GAG 682/I) [zusammen mit Jürgen Wolf] [[http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:bsz:21-opus-52653|Online]]\\  +[[wiki:erforscher|Entdecken und Erforschen]] im Sinne eines systematischen Reisens wurde ab dem [[unterwegs_im_17._jahrhundert|17. Jahrhundert]] zur Methode der [[wiki:geographie_und_reisen|Geographie]] und nachfolgend der Völkerkunde. Damit setzte langsam die Unterscheidung zwischen Unterhaltung und Wissenschaft ein, zwischen Laien- und Fachpublikum; es bildeten sich Institutionen mit spezifischen Regeln für das Reisen, zum Erfassen des Wissens und für das Publizieren:
-''Baumgärtner, I.''\\ //Weltbild und Empirie. Die Erweiterung des kartographischen weltbilds durch die Asienreisen des späten Mittelalters.//\\ Journal of Medieval History, 23.3 (1997) 227–253. [[https://doi.org/10.1016/S0304-4181(97)00006-7|DOI]] )). Geographisches Wissen zu erfassen war bereits die Aufgabe der [[bematisten|Bematisten]] in der griechischen Antike, es zu sammeln soll bereits Aufgabe der Bibliothek von Alexandria gewesen sein und auch die antiken Geographen und Historiker (''Herodot'', ''Strabon'' ...) beriefen sich auf Berichte von Reisenden und verarbeiteten deren Wissen. \\  +
-Das Reisen wurde ab dem [[unterwegs_im_17._jahrhundert|17. Jahrhundert]] zur Methode der [[wiki:geographie_und_reisen|Geographie]], des [[wiki:erforscher|Entdeckens und Erforschens]]. Damit setzte langsam die Unterscheidung zwischen Unterhaltung und Wissenschaft ein, zwischen Laien- und Fachpublikum:+
   * **1560** gründete ''Giambattista della Porta'' (1535--1615) in Neapel die //Academia Secretorum Naturae// (ital. Accademia dei Segreti) als eine der frühesten naturwissenschaftlichen Akademien in Europa. Er selbst reiste 1563--1566 durch Italien, Frankreich, Spanien und suchte in Bibliotheken und im Gespräch mit Gelehrten und Künstlern technisches und naturwissenschaftliches Wissen. Dieses wurde später in seiner Akademie experimentell überprüft. Die Inquisition verbot diese Akademie 1578.   * **1560** gründete ''Giambattista della Porta'' (1535--1615) in Neapel die //Academia Secretorum Naturae// (ital. Accademia dei Segreti) als eine der frühesten naturwissenschaftlichen Akademien in Europa. Er selbst reiste 1563--1566 durch Italien, Frankreich, Spanien und suchte in Bibliotheken und im Gespräch mit Gelehrten und Künstlern technisches und naturwissenschaftliches Wissen. Dieses wurde später in seiner Akademie experimentell überprüft. Die Inquisition verbot diese Akademie 1578.
   * **1660** wurde die //Royal Society of London for Improving Natural Knowledge// gegründet, die unter anderem 1665  //Directions for Seamen, Bound for Voyages// erstellte, also Anleitungen zum Beobachten, Sammeln, Dokumentieren usf.    * **1660** wurde die //Royal Society of London for Improving Natural Knowledge// gegründet, die unter anderem 1665  //Directions for Seamen, Bound for Voyages// erstellte, also Anleitungen zum Beobachten, Sammeln, Dokumentieren usf. 
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   * **1846** wurde die //Hakluyt Society// in London gegründet und widmet sich seither insbesondere der Herausgabe von Texten aus dem Zeitalter der Entdeckungen.    * **1846** wurde die //Hakluyt Society// in London gegründet und widmet sich seither insbesondere der Herausgabe von Texten aus dem Zeitalter der Entdeckungen. 
   * → [[wiki:ausstellungsliste_wissenstransfer|Ausstellungsliste Wissenstransfer]]\\ → [[literaturliste_voelkerkunde|Literaturliste Völkerkunde]]   * → [[wiki:ausstellungsliste_wissenstransfer|Ausstellungsliste Wissenstransfer]]\\ → [[literaturliste_voelkerkunde|Literaturliste Völkerkunde]]
- 
-Den engen Zusammenhang der frühen Reisesammlungen (Hakluyt, de Bry, Hulsius ...) mit der europäischen Expansion und den kolonialen Ideen beschreibt: 
-  * ''Simon Karstens''\\ //Gescheiterte Kolonien – Erträumte Imperien. Eine andere Geschichte der europäischen Expansion 1492-1615//\\ Diss. Universität Trier. 619 S. Wien 2021: Böhlau. [[https://d-nb.info/1217015213/04|Inhalt]] 
  
 ===== Verweise ===== ===== Verweise =====
wiki/reisesammlungen.1770497337.txt.gz · Zuletzt geändert: von Norbert Lüdtke