E. FettweisOrientierung und Messung in Raum und Zeit bei Naturvölkern.
Studium Generale 11.1 (1958) 1-12
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→ Karte, Kartographen & Kartographie im 14. Jahrhundert
→ Karte, Kartographen & Kartographie im 15. Jahrhundert
→ Karte, Kartographen & Kartographie im 16. Jahrhundert
→ Arabische Reisende und arabische Kartographie
→ Literaturliste Natural Mapping
→ Überschneidungen mit Weltbilder-Karte-Globen
Reisende fragen sich jeden Tag erneut: Wohin? Reisen ohne Karte ist heute kaum vorstellbar, auch ein Navi zeigt sie. In der Antike gab es zwar Karten, aber man reiste über Land mit einem Itinerar von Ort zu Ort und entlang der Küste mit einem Periplus mit Blick auf die Landmarken der Küste.
Gezeichnete Karten waren zuerst Küstenlinien, die man von See aus sieht, dann Seekarten, dann erst Landkarten, aber immer dienten sie der Orientierung.
Als Weltkarte (lat. mappaemundi, frz. mappemondes) sind sie Ausdruck eines zeittypischen Weltbildes, so wie der Globus Ausdruck der Raumvorstellung ist. Zur praktischen Orientierung eignen sie sich nicht. In einer Zeit der Navigationssysteme muss sich die Karte neu erfinden, beispielsweise sind die Stadtpläne von Blue Crow Media solche Karten, die die Welt bedeuten (Kevin Hanschke in FAZ 20.11.2021).
Die Kartenzeichner der Portolankarten verarbeiteten vertrauliche Informationen, da sie mit Schifffahrt und Handel verbunden waren. Reeder und Kapitän, Steuermann und Kartograph und Kompassbauer gingen im Mediterraneum aus derselben Familie hervor, mehrere Funktionen verschmolzen oft in einer Person (→ Kartographie im 13., 14., 15. Jahrhundert, Fernhandelsnetzwerke ). Die Berufsangaben der Kartographen umfassen in den Quellen (meist Notarakten) die Begriffe buxolerius (Kompassbauer), Maler (pictor) sowie mestre de cartes de navegar, magister cartarum navigandi, illuminator cartarum navigandi; die Kartographenfamilien waren bereits vorher als Händler und Seefahrer bekannt gewesen. Entstehungs- und Verwendungszusammenhang fallen in diesen Tätigkeitsfeldern zusammen, siehe das Frontispiz in: Willem Jansz Blaeu, Le Flambeau de la navigation, Amsterdam 1620: Jean Jansson.
Die Merkmale einer Karte sind zuerst deren Rand, der Strich und der leere Raum dazwischen. Erst wird der Rand festgelegt (Horizont & Ende Gelände), dann der Strich geführt; Letzteres als Ausdruck eines Eindrucks, als radikal reduzierte und abstrahierte Natur. Der Strich bildet nicht das Nahe ab, sondern die Ränder der Wahrnehmung an der Grenze zur Undeutlichkeit und macht den Reisenden damit zum Grenzgänger. Der horror vacui als Angst vor dem weißen Nichts verführt dazu, mehr zu zeichnen, als ist und gebiert Ungeheuer: den Riesenwal auf See- und die Löwen auf Landkarten.
Karten bedürfen im Unterschied zum Itinerar zwingend eines Maßstabs und einer Richtungsangabe, weil sie als Orientierungskarte mehr als einen Weg zeigt, also Entscheidungen verlangt. Zum einfachen Maßstab ohne Messung kann aber auch ein Boot, ein Mensch, ein Kirchturm werden. Die Himmelsrichtung ist usprünglich kulturell bedingt: Karten waren zuerst geostet wegen des Sonnenaufgang, gesüdet, weil dort die Sonne im Zenit steht und genordet, weil die Kompassnadel dorthin zeigt. Das älteste Koordinatensystem bezieht sich auf Sterne, Sonne, Mond und wurde erzählt, etwa als Gedicht:
A. Schott, R. BökerEntdecker folgten Vorstellungen, weil es für das Unbekannte weder Itinerar noch Karte gibt. Dabei wird Wissen über die Erde gesammelt. Das Wissen einheimischer Führer zeigte andere Form der Orientierung als Natural Mapping (auch: Indigenious mapping).
Reisetypisch ist es, raumbezogene Informationen linear zu sammeln, als Tagesetappen, Logbuch oder Roadbook. Diese können zeichnerisch verdichtet werden, in der einfachsten Form als lineare Wegekarte oder Itinerar. Die vier Voraussetzungen dafür sind 1):
Aus diesem Erfahrungswissen eine Karte zu machen, ist auf dem Schiff Aufgabe des Kartenzeichners (draughtsmen) und nach der Reise Aufgabe der Kartographen.
Bagrow, Leo; Skelton, R.A.Schelhaas, Bruno; Wardenga, UteSchelhaas, Bruno; Wardenga, UteVoigt, IsabelDie Art der Karte ist durch das Medium geprägt: Buchdruck, Farbdruck, Monitor. Das führt absurderweise auch dazu, dass Expeditionen unternommen wurden auf der Suche nach kartographischen Merkmalen, die konstruiert sind, etwa die Datumsgrenze als Problem der Längengrade:
Umberto EcoDava SobelJohn Harrison (1693–1776) entwickelte 1759 mit der H4 das erste präzise Chronometer für den Gebrauch auf Schiffen und schuf damit die Voraussetzung das Problem der Längengrade zu lösen, wie dies James Cook nach seiner zweiten Weltreise am 30. Juli 1775 praktisch bestätigte.Vielleicht hat der eine oder andere Globetrotter in Ecuador schon einmal eine Pyramide gesehen? In Caraburo und Oyambaro, Gemeinde Yaruquí, stehen zwei, andere stehen in San Antonio de Pichincha, in Calacalí und Quito. Sie erinnern an die Arbeit von Vermessungsexpeditionen.
Dass die Erde keine Scheibe ist - darüber war man sich einig. Auch darüber, dass sie wohl die Gestalt einer Kugel habe. Doch nun ergaben neueste Messungen, daß diese Kugel mitnichten gleichmäßig sei. Isaac Newton stellte als erster die These auf, daß die Erde an den Polen abgeflacht sein müsse. Die These konnte überprüft werden, indem die Länge eines Längengrads am Äquator mit dem eines in Polnähe verglichen wurden. Zwölf Forscher aus verschiedenen europäischen Ländern brachen 1735 auf, um einen Längengrad in Ecuador zu vermessen. Es waren die ersten Nichtspanier, die einen Teil des südamerikanischen Kontinents erkundeten. Zehn Jahre blieben sie unterwegs, denn ihre Aufgabe war meßtechnisch äußerst aufwendig und wurde erschwert durch Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bürokratie.
Sie vermaßen Dreiecke, deren Eckpunkte auf den höchsten Bergen des Landes lagen (Triangulation). Dazu mußten die Meßtrupps tage- und wochenlang in Höhen um 5000 Meter campieren, bis gutes Wetter die Sicht zu den anderen Gipfeln ermöglichte.
Gleichwohl kann man den Bericht und die Leistung der Teilnehmer nur verstehen, wenn ihr Vorhaben eingebettet ist in die wissenschaftliche Diskussion der Zeit und in die politischen Verhältnisse. Einleitend fragt die Herausgeberin Barbara Gretenkord, eine Historikerin, „Warum kannte niemand die wahre Gestalt der Erde?“
Als Vorlage dieses Bandes diente ein kompilierter Reisebericht, der 1758 in Band 15 & 16 »Der Allgemeinen Historie der Reisen zu Wasser und Lande …« erschien. Dieser hatte den Vorzug, auf mehrere primäre Quellen zurückzugreifen und in besonderem Maße reisepraktische Aspekte zu berücksichtigen, die die Dauer der Expedition erklärten. Der Bericht der Reisenden ist in heutiges Deutsch übertragen und leicht bearbeitet. Anmerkungen erläutern Hintergründe, auch die Situation in den spanischen Kolonien wird erklärt. Inhaltlich vermisse ich nur eine zusammenfassende Darstellung der Expeditionsarbeit, also Meßergebnisse und Resultate.
Charles Marie de la CondamineBarbara Gretenkord. Ostfildern: Thorbecke 2003Robert WhitakerJean Godin war ab 1736 Kartenzeichner bei der Expedition von Charles-Marie de La Condamine im Andenhochland zur Vermessung des Äquators und galt ab 1744 als verschollen. Seine Frau reiste auf der Suche nach ihm durch das Amazonasgebiet.Oliver SchulzKarten triggern die Phantasie mit leeren Flächen zwischen den bekannten Wegen. Die füllte man früher mit Löwen (hic sunt leones). → Phantastische Orte und Imaginäre Reisen
Mark MonmonierDünne, JörgDie ungeheuren Meeresflächen verführten dazu, Inseln zu erfinden. Wohin das – auch ohne betrügerische Absicht – führen kann, zeigt:
Donald S. JohnsonCharles H. Hapgood
Doch der Reihe nach: Muhiddin Piri ist eine historische Persönlichkeit und lebte von etwa 1470 bis 1554; der Zusatz „Reis“ ist ein Titel, der etwa Kapitän bedeutet. Er schrieb das »Seefahrerbuch«, Kitab Bahriye, und zeichnete Seekarten, von denen zwei erhalten blieben. Einen Teil der zweiten Karte entdeckte man 1929 im Topkapi Palast in Istanbul. In den 60er Jahren entwickelte Hapgood seine These: Auf der Karte sei die Küstenlinie des antarktischen Kontinents exakt wiedergegeben. Bereits die Tatsache, daß er 250 Seiten für den „Beweis“ braucht, zeigt, daß das eben nicht so augenscheinlich ist. So geht Hapgood einen komplizierten Weg:
Das alles weiß natürlich auch der Verlag. Also peilt er zwei Zielgruppen an: zum einen die Fans prähistorischer Verschwörungsmythen und zum anderen alle jene, die aus Unkenntnis die muffigen Ideen des alten Schinkens für frisch und neu halten. Zur Literatur über Piri Reis siehe Weltbild.
E. Fettweis